Jury kürte Kunstprojekt für dritten Ort des Gedenkens in St. Johann im Pongau

Der Entwurf von der Künstlerin Tatjana Lecomte wird realisiert. Im Pongau steht die Familie Buder, die Fluchthilfe leistete, im Zentrum des Projekts.

Der künstlerische Wettbewerb für die Gestaltung des dritten Erinnerungsortes an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Bundesland Salzburg im Rahmen des Projekts „Orte des Gedenkens“ ist abgeschlossen. Die Jury unter dem Vorsitz des Kurators Hannes Sulzenbacher hat sich einstimmig für die Einreichung der Künstlerin Tatiana Lecomte entschieden und schlägt diese zur Realisierung in St. Johann für das kommende Jahr vor. Der temporär und prozessual gestaltete Erinnerungsort wird an die Familie Buder erinnern und damit den Unterstützungswiderstand thematisieren.

Theresia und Alois Buder halfen Karl Rupitsch, dem Anführer der Goldegger Deserteurs- und Widerstandsgruppe zu flüchten. Neben dem Ehepaar Buder unterstützten auch deren Nachbar Kaspar Wind und dessen Mitarbeiterin Margarete Oblasser die Deserteure in Goldegg. Alois Buder und Kaspar Wind wurden am 28. Oktober 1944 in Mauthausen hingerichtet, Theresia Buder war im KZ Ravensbrück interniert und kam knapp vor Kriegsende im Februar 1945 ums Leben.

Rupitsch wurde am 28. November 1943 wegen Schwarzschlachtens verhaftet und im Gerichtsgefängnis im heutigen St. Johann eingesperrt. Kaspar Wind und anderer befreiten Rupitsch aus dem Gefängnis.  Alois Buder beherbergte Rupitsch einige Tage in seiner Wohnung und brachte ihn dann mit einem Lastwagen nach Taxenbach in ein Versteck der Familie Oblasser. Rupitsch blieb untergetaucht, auch weil er dem Einberufungsbefehl in die deutsche Wehrmacht nicht Folge leisten wollte.

 „Mit ihrem künstlerischen Projekt Was geht zuhause vor greift die Künstlerin Tatiana Lecomte zentrale Forschungen der Projektgruppe auf, mit denen sie auf zweierlei Weise eine Auseinandersetzung mit der Geschichte initiiert“, sagt Kunsthistorikerin Hildegard Fraueneder von der Projektgruppe. Zum einen werden ein Jahr lang mit den Pongauer Nachrichten monatlich Beilagen versendet, die wie Rezeptkarten zum Sammeln gestaltet sind und auf irritierende wie sinnstiftende Weise mit Theresia und Alois Buder verknüpft werden.

„Zum anderen setzt Lecomte markante Zeichen im Stadtraum, die mit zwei Texttafeln in die Un/Sichtbarkeit nationalsozialistischer Propaganda intervenieren“, erklärt Fraueneder. Tatiana Lecomte schlägt die Umbenennung beziehungsweise offizielle Benennung des sogenannten Kleinen Parks zu „Theresia und Alois Buder Park“ vor. Wie die Forschungsergebnisse der Projektgruppe zeigen, wurde das Parkareal kurz nach dem „Anschluss“ 1938 angelegt. „Mit der neuen Platzbenennung einher geht eine öffentliche Würdigung von Personen, die sich nicht dem Unrechtregime gebeugt haben und dadurch ihr Leben verloren haben“, betont Hildegard Fraueneder. Außerdem soll mit einer erläuternden Texttafel das weithin sichtbare Fresko an der südlichen Außenmauer der Anna-Kapelle, „Heimkehr der Soldaten“ von Switbert Lobisser, aus dem Jahr 1941 kontextualisiert werden. Der dritte Erinnerungsort des Projekts „Orte des Gedenkens“ wird im Mai 2024 in St. Johann eröffnet werden.

„Wer aktiv und offensiv Widerstand leistete, war in der Regel auf die Hilfe von anderen angewiesen“, sagt der Historiker Albert Lichtblau. Menschen im Widerstand mussten mit Lebensmittel versorgt werden, brauchten medizinische Versorgung im Notfall, Kleidung und vor allem eine möglichst sichere Unterkunft, Transport oder Warnung bei Gefahr im Verzug. „Das klingt leichter, als es war. Alle, die halfen, und war es eine noch so kleine Hilfestellung, gefährdeten immer auch sich selbst. Weil das NS-Regime jeden Widerstand mit „Sippenhaft“ verband, waren auch Familienmitglieder in Gefahr“, betont Lichtblau.

Fünf Künstler*innen (Bettina Egger, Sabrina Kern, Martin Krenn, Tatiana Lecomte und Anna Witt) waren zum Wettbewerb für das künstlerische Projekt in St. Johann eingeladen worden. Die eingereichten Konzepte wurden von einer fünfköpfigen Jury beurteilt und die Siegerin gekürt. In der Jury saßen Künstler*innen, Historiker, sowie Vertreter*innen des Landes und der Stadtgemeinde St. Johann. Von der Projektgruppe (Hildegard Fraueneder, Albert Lichtblau und Robert Obermair) wurden zuvor historische Recherchen geleistet und den Wettbewerbsteilnehmer*innen zur Verfügung gestellt. Der Wettbewerb wurde von der Geschäftsstelle des Fonds zur Förderung von „Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum“ administriert.

Dem Bürgermeister von St. Johann im Pongau Günther Mitterer (ÖVP) hat die Herangehensweise des Kunstprojekts von Tatajana Lecomte, und wie sie mit dem Gedenken umgeht, gut gefallen. „Man hat gemerkt, dass es nicht eine einzelne Aktion ist, sondern es soll auch was bewirken in der Gemeinde, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen“, sagt Mitterer zur Juryentscheidung.

Für die historische Aufarbeitung der Biografien diente auch das Privatarchiv der Familie Buder als wichtige Quelle, das bislang unbekannte Fotografien und Dokumente enthielt. Das Ehepaar Buder hinterließ ihren Sohn Walter, der von seiner Großmutter aufgezogen wurde. Mit der Witwe von Walter Buder und deren Sohn wurden im Vorfeld mehrere Gespräche geführt.

Der Arbeitsgemeinschaft „Orte des Gedenkens“ ist es wichtig, in der Zusammenschau der Projektrealisierungen in den jeweiligen politischen Bezirken Salzburgs unterschiedliche Aspekte des Widerstands zu thematisieren. Nach dem christlich-sozialen Georg Rinnerthaler in Neumarkt am Wallersee, dem kommunistischen Widerstand von Agnes Primocic in Hallein soll nun die Fluchthilfe und der Unterstützungswiderstand  thematisiert werden.

 

Das Gesamtprojekt

Zur Erinnerung an die Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer in Salzburg finanziert das Land Salzburg im Lauf von sechs Jahren in jedem politischen Bezirk die Realisierung eines temporären Gedenk- und Erinnerungsort. Das Konzept der Arbeitsgemeinschaft „Orte des Gedenkens“ beruht auf drei Säulen: historische Aufarbeitung, künstlerische Intervention und Vermittlungsarbeit. Zum Vermittlungsprogramm gehören öffentliche Veranstaltungen rund um die Thematik, aber auch in Kooperation mit _erinnern.at_ konzipierte Workshops an Schulen, Bildungsstätten oder mit NGOs bzw. Kulturinitiativen, die sich entlang der für den Gedenkort gewählten Biographie mit autoritären und totalitären Systemen, mit Widerstand und Zivilcourage befassen. Damit werden unterschiedliche Denkräume eröffnet und verschiedene Gruppen angesprochen. Die künstlerische Intervention und die historische Recherche bleiben dabei zentraler Ausgangspunkt für diese Aktivitäten.

Geleitet wird das Projekt von der Arbeitsgemeinschaft „Orte des Gedenkens“, der die Kunsthistorikerin Hildegard Fraueneder und die Historiker Albert Lichtblau und Robert Obermair angehören. Die temporären Kunstprojekte werden in Kooperation mit dem „Fonds für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum“ des Landes Salzburg durchgeführt. Nach der Eröffnung wird das Thema auch in mehreren Diskussionsabenden, Veranstaltungen und Workshops in der Gemeinde weiter beleuchtet.

Bilder:

Bild 1: Theresia und Alois Buder im Auto mit Magarete Oblasser (hinten links)

Bild 2: Alois Buder mit einem Lkw

Bild 3: Theresia Buder vor dem Dom in St. Johann im Pongau

Rückfragehinweis:

Stefanie Ruep, Pressekoordination Orte des Gedenkens
office@ortedesgedenkens.at 
Tel: +43650/8312976