Ein umfassendes Recherche- und Vermittlungsprojekt rund um den katholischen Widerstand wird erarbeitet. Jury wählte Kunstprojekt von Johanna und Helmut Kandl zur Umsetzung aus.
Der fünfte Erinnerungsort an den Widerstand gegen das NS-Regime im Rahmen des Projekts Orte des Gedenkens wird 2026 im Lungau realisiert. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht dieses Mal der katholische Widerstand gegen das NS-Regime. Auch wenn sich weite Teile der Amtskirche mit der nationalsozialistischen Diktatur arrangierten, gab es zahlreiche Katholik*innen, die sich gegen das Regime stellten, darunter im „Reichsgau“ Salzburg auch eine Reihe von Geistlichen. Das Projekt wird dabei ein besonderes Augenmerk auf die Biografie des Lungauer Priesters Josef Schitter legen.
Dieser geriet bereits früh mit dem NS-Regime in Konflikt, schon 1941 wurde ihm deshalb die Befugnis zur Erteilung des Konfessionsunterrichtes (also des katholischen Religionsunterrichts) im gesamten „Reichsgau“ Salzburg entzogen. Schitter verhielt sich auch in der Folge nonkonform, 1944 wurde er schließlich wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ verhaftet und in das KZ Dachau deportiert, wo er kurz vor Kriegsende entlassen wurde. Nach Kriegsende wollte die Amtskirche von seinem und dem Schicksal anderer verfolgter Geistlicher wenig wissen, über das Thema sollte nicht gesprochen werden – ein Grund mehr, seine Biografie endlich auch öffentlich sichtbar zu machen.
Wie an den anderen Orten zuvor wurde auch für den Lungau ein geladener künstlerischer Wettbewerb in Kooperation mit dem Fonds zur Förderung von Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum des Landes Salzburg durchgeführt. Die Jury unter dem Vorsitz von Kunsthistorikerin Hildegard Fraueneder hat sich für die Einreichung von Johanna und Helmut Kandl entschieden und schlägt diese zur Realisierung in Mariapfarr und Tamsweg für das kommende Jahr vor.
Unter dem Arbeitstitel „TORN/GARMENT“ werden die Künstler:innen an beiden Orten eine großflächige Wandmalerei realisieren, mit der von Mai 2026 bis Mai 2027 an den Widerstand der Priester und weiterer Personen erinnert wird. Der Arbeitstitel bezieht sich auf zerrissene Kleidungsstücke, konkret auf Priestergewänder. Zerrissene Stoffe weisen in der christlichen Symbolik eine lange Tradition auf – im Alten Testament steht das biblische Zerreißen der Kleider für den Schmerz über den Verlust eines Menschen, im Neuen Testament ist das Zerreißen des Tempelvorhangs beim Tod Jesu das wohl ausdrucksstärkste Zeichen.
Bei der Wandmalerei von Johanna und Helmut Kandl symbolisiert der Riss nicht nur den Verlust, sondern auch die Gewalt der NS-Herrschaft; auch können die durch den Riss entstehenden schwarz gehaltenen Stellen als „Löcher der Erinnerung“ gelesen werden. Als Bildvorlage werden die Künstler:innen eine historische Kasel wählen, die in der Sakristei der Suppankapelle (beim heimatlichen Hof von Josef Schitter) aufbewahrt wird. Die gewählten Anbringungsorte der Wandmalerei werden diese für die Öffentlichkeit weithin sichtbar halten: In Mariapfarr wird die Wandmalerei an der Friedhofsmauer, die die dortige Pfarrkirche umschließt, angebracht, in Tamsweg an der Wand des alten Schulgebäudes, das direkt an die Einfassungsmauer der Pfarrkirche anschließt und eine örtliche Nähe zu den bestehenden Gedenkorten herstellt. Auf den Bildflächen werden in loser Anordnung mehrere emaillierte Bild/Text/Tafeln angebracht, die biografische Informationen zu den widerständigen und verfolgten Personen wie auch ein jeweils prägnantes Zitat von ihnen wiedergeben.
„Das künstlerische Konzept von Johanna und Helmut Kandl überzeugt vor allem durch ihre dekorative Kraft und Präsenz vor Ort wie auch ihrer präzisen historischen Auseinandersetzung mit der Geschichte“, begründet Hildegard Fraueneder die Juryentscheidung. „Kandl hat die Technik des Freskos, die in Österreich eine lange Tradition hat, in der Vergangenheit immer wieder für Wandgestaltungen angewandt. Als ausgebildete Restauratorin und ehemalige Professorin für Malerei an der Universität für Angewandte Kunst in Wien ist sie auch eine leidenschaftliche Vermittlerin. Bereits das Anbringen der Malerei wird zu einer öffentlichen ‚Performance‘, an der die Bevölkerung teilhaben wird können“, so Hildegard Fraueneder.
Das Gesamtprojekt
Zur Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Salzburg finanziert das Land Salzburg im Lauf von sechs Jahren in jedem politischen Bezirk die Realisierung eines temporären Gedenk- und Erinnerungsort. Das Konzept der Arbeitsgemeinschaft „Orte des Gedenkens“ beruht auf drei Säulen: historische Aufarbeitung, künstlerische Intervention und Vermittlungsarbeit.
Zum Vermittlungsprogramm gehören öffentliche Veranstaltungen rund um die Thematik, aber auch in Kooperation mit ERINNERN.AT konzipierte Workshops an Schulen, Bildungsstätten oder mit NGOs bzw. Kulturinitiativen, die sich entlang der für den Gedenkort gewählten Biographie mit autoritären und totalitären Systemen, mit Widerstand und Zivilcourage befassen. Damit werden unterschiedliche Denkräume eröffnet und verschiedene Gruppen angesprochen. Die künstlerische Intervention und die historische Recherche bleiben dabei zentraler Ausgangspunkt für diese Aktivitäten.
Geleitet wird das Projekt von der Arbeitsgemeinschaft „Orte des Gedenkens“, der die Kunsthistorikerin Hildegard Fraueneder und die Historiker Albert Lichtblau und Robert Obermair angehören. Die temporären Kunstprojekte werden in Kooperation mit dem „Fonds zur Förderung von Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum“ des Landes Salzburg durchgeführt. Nach der Eröffnung wird das Thema auch in mehreren Diskussionsabenden, Veranstaltungen und Workshops in der Gemeinde weiter beleuchtet. Das Projektteam arbeitet im Lungau eng mit mit den Gemeinden Mariapfarr und Tamsweg, der Pfarre Mariapfarr, dem Heimatmuseum Tamsweg und der Lungauer Kulturvereinigung zusammen.
Bild 1: Die Basilika in Mariapfarr auf deren Friedhofsmauer eine großflächige Malerei angebracht wird. (Credit: Orte des Gedenkens)
Bild 2: Der Lungauer Priester Josef Schitter mit der Grillinger-Bibel (Credit: Orte des Gedenkens / Privatarchiv Prodinger)
Rückfragehinweis:
Stefanie Ruep, Pressekoordination Orte des Gedenkens
office@ortedesgedenkens.at
Tel: +43650/8312976
